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Die Entstehung des Hortwesens in der Stadt Zürich

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Der Hort: Ein pädagogisches oder sozialdisziplinierendes Instrument?

Die Industrialisierung brachte für die Fabrikarbeiter eine Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Die Konzentration der Maschinen in den Fabriken wiederum führte zu einer Verlegung des Arbeitsortes. Es entstanden Arbeiterquartiere, die ihre eigenen sozialen Probleme mit sich brachten. Die Armenfürsorge war dadurch mit einer neuen Situation konfrontiert. Zahlreiche Institutionen wurden gegründet, von denen der Hort eine war.

In den 1860er Jahren, als sich die wirtschaftliche Situation verschlechterte und die „Grosse Depression“ bis in die 1890er Jahre ein Wirtschaftswachstum verhinderte, war Kinderarbeit verbreitet und stellte für viele Familien ein unentbehrliches Einkommen dar.

Zwar versuchte die Fabrikgesetzgebung schon Anfang des Jahrhunderts die grössten Missstände zu unterbinden, doch die Kinderarbeit blieb bis zum Eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 ein grosses Problem.

Da 1872 das Volksschul-Obligatorium, welches eine Ausdehnung der obligatorischen Schulzeit auf 9 Jahre forderte, abgelehnt worden war, ergab sich zusammen mit den Bestimmungen des Fabrikgesetzes von 1877 eine Lücke zwischen dem 12. und dem 14. Lebensjahr. In dieser Zeit durften die Kinder weder arbeiten, noch waren sie schulpflichtig.

Die Unterbeschäftigung führte dazu, dass viele Kinder ihre freie Zeit auf der Strasse verbrachten. Ihr Verhalten gab Anlass zu verschiedenen Klagen, die Fisler, Hirzel und Bion dazu bewogen, Massnahmen zu ergreifen. Alle drei Männer hatten sich schon vor der Hortgründung in verschiedenen Institutionen engagiert, die sich auf unterschiedliche Art für die Kinder eingesetzt hatten.

Der Hort der Stadt Zürich war nur indirekt eine Reaktion auf die veränderten Lebensumstände, welche die Industrialisierung mit sich brachte. Die ersten Kinder die im Fraumünster-Hort 1886 und in den folgenden Jahren aufgenommen wurden, waren keine „Fabrikkinder“, sondern stammten aus städtischen Handwerkerfamilien. Das heisst, dass diese Kinder einem traditionellen Arbeitermilieu entstammten, womit sich die Frage stellt, wie die Gründung des Hortes mit den veränderten Zeitumständen zusammenhängt.

Die Antwort mag wohl darin liegen, dass sich die freisinnigen Anliegen nach 1848 voll entfalten konnten und die Zeit danach verlangte, den einzelnen Menschen nicht mehr nur sich selbst zu überlassen, sondern ihm von Geburt an eine möglichst individuelle Betreuung zukommen zu lassen.

Der Hort der Stadt Zürich war nicht primär als ein Auffangbecken für die zunehmende soziale Verwahrlosung von Kindern aus Arbeiterfamilien gedacht, sondern war letztlich das Resultat einer verstärkten Sensibilität für die Pädagogik, wie sie sich auch im Schulobligatorium und im Fabrikgesetz niederschlug. Diese Haltung entspricht Bion, Hirzel und Fisler. Auffällig frei von moralischen Intentionen, verkörpert vor allem Walter Bion diese liberale Haltung, die uneigennützig die Individualität des Einzelne wollte, um ihn zu einem mündigen Staatsbürger zu machen.

Diese notwendige individuelle Betreuung des Menschen bis zum Zeitpunkt der Eigenverantwortung wurde durch die verschiedenen Institutionen, die von Fisler, Bion und Hirzel gegründet oder mitgetragen worden war, gedeckt.

Der Hort als sozialdisziplinierendes Instrument hätte sich zum Beispiel in einer strengen, „geschlossenen“ Betreuung oder in einem zielgerichteten Beschäftigungsprogramm mit deutlich umrissenen Erziehungsstilen manifestiert. Sollte in der Gründung des ersten Hortes tatsächlich die Intention gelegen haben, die Gesellschaft vor weiterer Verwahrlosung und sozialer Instabilität zu bewahren, so ist das heute nur noch schwer feststellbar. Fest steht, dass der Hort kaum als eine umfassende Massnahme gesehen werden kann, die Gesellschaft vor zunehmender Verwahrlosung zu schützen. Es war nämlich eine Institution, die nur punktuell auf ein soziales Problem ausgerichtet war und einen sehr experimentellen Charakter hatte.

Albert Fisler hatte die Erfahrungen, die er auf seiner Studienreise in Deutschland gemacht hatte, sehr kritisch reflektiert. Die in Deutschland angetroffenen Zustände – von ihm als „Kasernenpädagogik“ kritisiert – und sein daraus resultierender Vorschlag, die Zahl der Kinder pro Hort auf höchstens 25 zu beschränken, sind Zeichen dafür, dass der pädagogische Aspekt des Hortes für Fisler im Vordergrund stand.

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts verbindet sich die traditionelle „Wohlfahrt“ immer mehr mit humanistischen und philanthropischen Idealen. Die Wohlfahrt wandelt sich zum „sozialen“ oder „sozialpolitischen“ Engagement.

Albert Fisler, Paul Hirzel und Walter Bion sind typische Vertreter dieser Entwicklung. Sie bildeten eine äusserst günstige Konstellation, der die Zürcher Horte ihre Existenz verdanken.

 

Inhaltsverzeichnis Hortgeschichte

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Verfasst Ralph Ochsner, Lektorat und Zusammenfassung I. Lepori, Design J. Soriano
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