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Damals im Hort...
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Ulrich und Erich Sutter, geboren 1938 und 1940, sind in Zürich im Kreis
6 aufgewachsen, an der Markusstrasse. Ihr Vater starb, als Ulrich, der
ältere, zweijährig war. Erich war noch gar nicht geboren. Die Mutter,
allein mit den zwei Buben, musste arbeiten gehen. Als Kleinkinder wurden
sie von einem Dienstmädchen betreut, mit Eintritt in den Kindergarten
und in die Schule schickte die Mutter sie in den Hort.

Erich (links) und Ulrich Sutter, 1948 und Hortgruppe Tageshort
Letten, ca. 1953. Ganz links Ulrich, in der Mitte im weissen Hemd Erich
Flavia Sutter hat Vater und Onkel über die damalige Zeit im Hort befragt.
Vieles ist in Vergessenheit geraten und doch erinnerte man sich im Verlaufe
des Gesprächs an dieses und jenes aus der Vergangenheit. Hier eine Wiedergabe
des Gesprächs.
| Flavia: |
Wie lange wart ihr im Hort? |
| Ueli: |
Vom Kindergarten bis in die 3. Sek. |
| Erich: |
Ich nur bis Ende 1. Sek., weil ich nachher ins Gymi ging. |
| Ueli: |
Als wir schon grösser waren, gingen wir nur noch zum Mittagessen
in den Hort, aber vorher waren wir auch am Morgen und am Nachmittag
da. Ich kann mich erinnern, dass es immer so ‚gruusige‘ gewärmte
Milch gab zum Frühstück.
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| Erich: |
Also das weiss ich nicht mehr. |
| Flavia: |
Könnt ihr euch an die Hortleiterinnen erinnern? |
| Erich: |
Eine hiess Fräulein Steffen. |
| Ueli: |
Ja, die hat einen immer an den Ohren gezogen. |
| Erich: |
Oder an den Haaren, hier an den Schläfen! Im Nachhinein kann ich
es schon verstehen, dass sie zu härteren Massnahmen gegriffen hat.
Aber wir mochten sie nicht deswegen. |
| Ueli: |
Sie war sehr streng. |
| Erich: |
Ja, streng und ein bisschen nervös. Und das Fräulein Figi, hat
die nicht hochdeutsch gesprochen?
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| Ueli: |
Für die haben wir geschwärmt! Ihr Mann war ein Deutscher, ein
Schauspieler, er hiess Schibli oder Scheibli oder so ähnlich. Sie
war eine liebe Person.
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| Erich: |
Ja, sie hatte sehr viel Verständnis. An andere Hortleiterinnen
kann ich mich nicht erinnern.
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| Ueli: |
Das waren halt die letzten, die wir hatten, darum können wir uns
wahrscheinlich an sie noch erinnern.
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| Flavia: |
Ihr wart in zwei verschiedenen Horten. In welchen?
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| Ueli: |
Es stehen heute beide nicht mehr, sie wurden ersetzt durch Neubauten.
Der eine hiess glaube ich Letten und war in einer Baracke untergebracht,
ein Provisorium, das hinter dem Kindergarten stand. Der andere befand
sich an der Rötelstrasse und hiess wohl auch Rötel. Dort hatte es
einen grossen Garten und einen Spielplatz. Die Bibliothek im Hort,
ein paar Bücher in einem Kasten, hatten wir in 14 Tagen durchgelesen.
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| Erich: |
Ab dem Mittelstufenalter durfte man lesen auf der Liegi.
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| Ueli: |
Wir hatten richtige Pritschen mit Wolldecken, nicht Maträtzli wie
sie heute haben.
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| Erich: |
Und dann mussten wir ruhig sein und schlafen, schwatzen durfte
man nicht. Und die grösseren durften dann eben Bücher lesen.
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| Ueli: |
Wir mussten bald neue Bibliotheken suchen, weil wir ein Buch nach
dem anderen lasen.
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| Erich: |
Nach der Schule machten wir die Hausaufgaben und ich kann mich
erinnern, dass da die Zusammenarbeit unter uns Schülern recht gut
klappte. Ich hatte erste Erfolgserlebnisse, weil ich schon gut lesen
konnte und den älteren Schülern helfen konnte beim Gedichte üben
und beim Auswendiglernen.
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| Ueli: |
Kannst du dich noch an Hötzel erinnern?
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| Erich: |
‚De Hötzel de Fötzel!‘ Das war der Prügelknabe von allen.
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| Ueli: |
Er war aber auch ein ganz Falscher.
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| Erich: |
Also ich sehe ihn im Nachhinein eher als Opfer.
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| Ueli: |
Ja, jetzt hätte man Mitleid mit ihm.
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| Erich: |
Und einen hatte es, der hat immer von Fehraltorf und von Pferden
erzählt. Er war immer am ‚händelen‘; hatte immer irgendwelche Geschäfte
am laufen, auch Geld war im Spiel. Und dann war da noch eine Annemarie.
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| Ueli: |
Ja, die hatte ich auch mal als Freundin.
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| Erich: |
Das war ein Buebemeitli, jaja. Ich kann mich an eine Szene auf
dem Pausenplatz des Letten-Schulhauses erinnern, als sie sagte,
wenn wir sie erwischen, dürfen wir ihr die Hosen runterziehen. Wir
haben uns ehrlich bemüht, erwischten sie aber nicht. War das nicht
die Schwester von Hötzel?
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| Ueli: |
Wär möglich, ja. Ich weiss es nicht mehr.
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| Flavia: |
Was wisst ihr noch von den Räumlichkeiten?
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| Ueli: |
Es hatte einen grossen Liegi-Raum, der gleichzeitig Spielzimmer
war, einen Essraum und in der Mitte eine Garderobe mit Lavabos.
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| Erich: |
Im Essraum hat’s immer ein bisschen gemieft.
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| Ueli: |
Ich habe diesen Geruch jetzt noch in der Nase. Eine Mischung von
überkochter Milch und Abwaschpulver.
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| Erich: |
Das Essen wurde immer von der Stadtküche gebracht, in riesigen
Kübeln. Oft war es ziemlich ‚gruusig‘, aber manchmal hatte man Glück
und es gab etwas das man gern hatte und die anderen nicht. Dann
konnte man essen, bis einem die Ohren wackelten und das bedeutete
in der damaligen Zeit noch etwas. Das war ja in den späten Vierziger-,
anfangs Fünfzigerjahre. Zwetschgenknödel! Das mochte fast niemand,
aber ich hatte es gern. Und manchmal führten wir uns schlecht auf
am Tisch und trieben Unfug, hielten die Füsse auf den Tisch und
so... Das Fräulein Steffen brachten wir, trotz dem Haarereissen,
fast zur Verzweiflung. Bei Fräulein Figi machten wir’s weniger,
weil wir sie mochten und ihr das nicht antun wollten.
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| Ueli: |
Ich war zweimal im Hortlager, einmal am Pfannenstil und einmal
in der Chörnlisegg beim Sihlsee. Aber die schönste Erinnerung an
den Hort ist für mich die Aufführung der Krippenspiele an Weihnachten.
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| Erich: |
Was, da weiss ich nichts mehr davon!
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| Ueli: |
Doch, das war für mich das grösste, ich durfte zwei-, dreimal den
Josef spielen. Mit dem Fräulein Figi war das, ihr Mann war ja Schauspieler.
Das war schön. Zu Erich: Kannst du dich nicht erinnern? Ich weiss
nicht mehr, was du dargestellt hast.
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| Erich: |
Vielleicht einen Hirten oder ein Schaf oder so. Auf jeden Fall
hat es mir keinen bleibenden Eindruck gemacht! Und wie hiess der
Bub der in der Nähe des Hortes gewohnt hat? Britten, genau. Hansjürg
oder so. Mit dem hatten wir oft Streit und dann hat sich immer seine
Mutter eingemischt, um ihn zu beschützen. Ich weiss noch, dass wir
ihn drannehmen wollten, das war bei der Schulzahnklinik an der Rotbuchstrasse.
Da kam seine Mutter wie eine Indianerin um die Ecke geschlichen
und griff uns an. Und wir flüchteten wie der Teufel durch die Gärten!
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| Flavia: |
Seid ihr gern in den Hort gegangen?
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| Erich: |
Ja, wir haben es aber auch nicht gross hinterfragt, es war selbstverständlich
für uns. Wir waren jahrelang da, gelitten haben wir nie und für
mich war’s natürlich ‚gäbig‘, einen grossen Bruder zu haben der
mich beschützt. Seine Rückendeckung hatte ich zwar eher auf dem
Schulweg nötig, im Hort weniger. Ich konnte dafür recht gut reden,
und konnte ihm so manchmal aus der Patsche helfen. Nein, wir haben
nie hinterfragt, warum wir in den Hort müssen, das war völlig klar
für uns.
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| Ueli: |
Am Samstag übrigens war der Hort auch offen. Morgens hatten wir
Schule und dann waren wir bis ca. 14 Uhr im Hort.
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| Flavia: |
Hättet ihr eure Kinder in den Hort geschickt?
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| Ueli: |
Lieber nicht. Bei uns in Rümlang gab’s auch gar keinen Hort.
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| Erich |
: Also, wenn ich in der Stadt gewohnt hätte und allein erziehend
gewesen wäre, dann vielleicht schon.
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| Ueli: |
Ja, dann natürlich auch.
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| Erich: |
Ich habe das ja schliesslich auch verkraftet. Und sicher konnte
man profitieren durch die vielen Kontakte mit anderen Kindern, man
lernte sich durchzusetzen. Wir spielten auch sehr viel, draussen
im Hof, dort hatte es einen Birnbaum mit feinen Wasserbirnen und
ein paar Turngeräte. Wir hatten viel Gelegenheit, mit anderen Kindern
zu spielen. Ein schlechtes Gefühl in Bezug auf die eigenen Kinder
hätte ich sicher nicht gehabt, denn uns hat der Hort nicht geschadet.
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Rötelstrasse:
Links: Wohnhaus, vor 1812 erbaut, bis 1906 mit Trotte, 1956 abgetragen
Mitte: Wohnhaus mit Remise, 1909 erbaut, 1956 abgetragen
Rechts: Waschhaus, 1819 erbaut, 1962 abgetragen
Foto: Baugeschichtliches Archiv, Zürich, Juli 1955
Verfasst Flavia Sutter, Design J. Soriano
Copyright 2002 www.horte-online.ch.
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