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Horte-online:  eine Webseite über das Hortwesen, den Beruf der Hortleiterin / des Hortleiters und der familienexternen Betreuungssituation in der Schweiz. Informationen zum Hortbetrieb, Literatur, Zahlen, Fachhochschulen, Betreuungsanbieter

Die Entstehung des Hortwesens in der Stadt Zürich

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Die Motivation der Gründer

Wie haben Fisler, Hirzel und Bion die sozialen Umstände wahrgenommen? Welche Missstände haben welche Eindrücke erzeugt?

Paul Hirzel verstand den Hort als Reaktion auf die zunehmende Disziplinlosigkeit der Schüler. Er wies darauf hin, dass es derartige Probleme mit Gewalt zwar schon immer gegeben habe, dass diese Erkenntnisse aber kein hinreichender Grund seien, die Missstände zu belassen. Hirzel stimmte zu, dass viele Eltern „...vom frühen Morgen bis zum späten Abend um des Verdienstes willen vom Hause abwesend seien“, weil die „Hausindustrie“ immer mehr zurückgedrängt worden war. Das Kind, das nach der Schule heimkomme, könne gar nichts anders, als auf der Strasse „herumvagiren“. Um diese Kinder aufzufangen, sollte nun der Hort als „Ergänzung der häuslichen Erziehung“ ein „Ersatz für das mangelnde Familienleben“ bilden. Nach Hirzels Vorstellungen konnten die Kinder im Hort „an Gehorsam, Ordnung, Thätigkeit, gute Sitten und Reinlichkeit gewöhnt und vor dem Einflusse nachtheiliger Gesellschaft bewahrt werden“.

Hirzel hatte einerseits erkannt, dass der Hort eine Folge von veränderten Lebensumständen und neuen erzieherischen Ansprüchen war, andererseits wurzelte für ihn die Vernachlässigung der Kinder in einer „Laisser-faire“-Haltung, für die er kein Verständnis aufbrachte.

Walter Bion war in seinen Einschätzungen neutraler und differenzierter. Die ungezwungeneren Umgangsformen, die der verbesserte Lebensstandard mit sich gebracht hatte, waren für ihn nur eine von mehreren Ursachen für das gestiegene Bedürfnis nach Betreuungsinstitutionen. Den verschiedenen negativen Auswirkungen der Industrialisierung stellte Bion die positive Entwicklung gegenüber, dass die individuelle Förderung des Kindes immer mehr an Bedeutung gewann.

„Der Aufschwung der Industrie und die daher rührende Ersetzung der Handarbeit, der Bevölkerungszuwachs der Städte durch den Andrang fremder Arbeiter, die Zunahme der unehelichen Geburten, die nicht im gleichen Verhältnisse mit dem Verdienste gewachsenen Bedürfnisse, welche eine gesteigerte Arbeits- und Kraftentwicklung erheischen, das mancherorts gelockerte Familienleben, das alles auf der einen und die grössere und allgemeinere Einsicht von der Bedeutung einer rationellen Erziehung der Menschen von frühester Jugend an auf der andern Seite, legen unserm Volke das Bedürfnis nach Kleinkinderanstalten näher als ehedem.“ (Referat über Kleinkinderbewahranstalten, September 1867 in Trogen)

Soviel Enthusiasmus Albert Fisler den pädagogischen Möglichkeiten, die sich mit dem Hort ergaben entgegenbrachte, sowenig konnte er den Ursachen, die den Hort hervorgebracht hatten, abgewinnen. Die Problematik der vernachlässigten Kinder sah Fisler zwar ebenfalls im Zusammenhang mit der veränderten Arbeitssituation, die Hauptursache lag aber für ihn im Wertzerfall der Gesellschaft und damit in der Selbstverschuldung der Menschen.

Fisler liess es sich nicht nehmen, seine Einschätzung der Dinge in seinen Berichten unterzubringen. So monierte er, in der Schweiz nähme sich durch die „schlichte Schweizersitte und Lebensanschauung“ noch harmlos aus, was die Einführung der modernen Errungenschaften betreffe, wie sie „in gewissen Kreisen der modernen französischen Gesellschaft zum guten Ton gehören“. Da werde nämlich jeder Zeitvertrieb, „jede Nachäffung männlichen Sports“ der Beschäftigung mit den eigenen Kindern vorgezogen.

Nicht die durch die Industrialisierung hervorgebrachte Armut wird für die mangelnde Erziehung verantwortlich gemacht, sondern die Hinwendung zu modischen Trends. Es fehle am Sinn für häusliche Freuden. Man habe Wichtigeres zu tun, als zu Hause zu sitzen und sich zu langweilen: „Mit dem Daheimsitzen wird kein Geld gewonnen, macht man keine Bekanntschaften, bringt man’s nicht einmal zum Aktuar irgend eines Vereins zur Förderung des öffentlichen Wohls“.

Die neue Lebensart belegte er mit beissendem Spott: „Andernorts wird die volle Zeit des Tages absorbiert durchs Geschäft, und wäre dies nicht der Fall... nun, so müsste eben’s Geschäft vergrössert, die Zahl der Ämtlein vermehrt werden, bis man’s glücklich dahin gebracht hat, für die eigene Familie keine Zeit mehr zu haben“.

Fisler beklagte sich darüber, dass viele Stadtkinder in ihrer Jugend kaum etwas anderes zu sehen bekämen als die eigene Wohnungsetage, die Strasse und den „sandbestreuten Biergarten“. Ein Gefühl des Daheimseins könne sich durch das „stete Nomadisiren von einem Quartier zum andern“ gar nicht einstellen.

Obwohl Fisler gerade die Entwicklung in der Fürsorge als Resultat eines Paradigmawechsels erkannte, empfand er die Tendenz, die Pflichten der Familie an andere Instanzen abzutreten, als Moralverlust. Die betroffenen Instanzen seien die Kirche und die Schule, denen die gesamte „Geistes- und Charakterbildung des werdenden Menschen“ aufgebürdet werde: „Das Haus muss gegenüber den nivellirenden und generalisirenden staatlichen Bildungdstätten wieder mehr in den Vordergrund treten, es muss sich wieder mehr seines Hauptanteils an der Aufgabe der Erziehung und ersten Geistesbildung seiner Kinder bewusst werden.“

Andererseits wollte auch Fisler nicht mehr zurück zu alten Verhältnissen: „Keinem wohlgesinnten Menschen wird es ja heute mehr in den Sinn kommen, jene Zeiten zurückzuwünschen, in denen schon die Milchzähnlinge ins gleichförmige Netz der Erwerbsspinne geworfen wurden, die ihre armen Opfer erbarmungslos ihres Jugendglückes und ihrer Jugendkraft beraubte. Unsere Gesetze sorgen dafür, dass sogar die Jugend der 2. Zahnperiode dem Fabrikgetriebe ferne bleibt..“.

Die Belehrungen und der Tadel Fislers könnten zur fälschlichen Annahme führen, es sei seine Absicht gewesen, den Hort mehr in die Schule einzubinden, um über die Schule hinaus erzieherisch auf fehlbare Schüler einzuwirken.

Ganz im Gegenteil war es aber für Fisler eines der dringlichsten Anliegen, den Hort sowohl örtlich als auch pädagogisch klar von der Schule abzugrenzen. Schulzwang und Schuldisziplin wollte Fisler aus dem Hort verbannt wissen. In allen seinen ausführlichen Beschreibungen der Hortaktivitäten findet sich zum Beispiel nie ein Hinweis, dass im Hort auch Schulaufgaben gelöst werden sollten. Im Hort sollte die Freizeit der Kinder Priorität haben:

„Sollte der Knabenhort aber nichts weiter sein, als eine Art Zwangsjacke, in welche die jungen Leute gesteckt werden sollten, um ihre Umgebung so wenig als möglich zu inkommodiren, sollten die Knaben in der für ihre Entwicklung wichtigsten Zeit ihres Lebens der ihnen so nothwendingen freien Bewegung neben den Schulstunden beraubt werden, dann könnten wir, offen gestanden, diese Schüler (...( nur bedauern“. (Jahresberichte Jugendhorte, 1886/87).

Um die Funktion des Hortes klar gegen die Schule abzusetzen und ihn familiären Verhältnissen möglichst abzugleichen, sah Fisler für das Tagesprogramm des Hortes zwei Schwerpunkte vor: Das Abendbrot, das sich aus einem Stück Brot mit Zugabe von ca. 4 Deziliter warmer Milch zusammensetzte, und die freie Beschäftigung:

„Die nicht von der Schule in Anspruch genommene Zeit wird, ohne mutwillige Konkurrenzabsichten, ausgefüllt mit Fabrikation von gestrickten Schnüren, von Couverts, Papiersäcken, Blumenstäben, Lampenschirme, mit Aufbauen von Modellirbogen und gelegentlich auch mit Erstellung von Spielgeräten, Aufnähen von Knöpfen u.s.w. Es gelangen zur Ausführung: Werke der Malerei, der Zeichnerei, der Papierfalte- und Schneidekunst; demnächst kommen an die Reihe Sortirarbeiten in Bohnen und Höckerli ( ( “.

Das Spiel- und Beschäftigungsangebot reichte weiter über Bücherlesen, Geschichtenerzählen, Singspiele, Theateraufführungen bis hin zu experimenteller Gartenarbeit, Schneeballschlachten, Wettkampf- und Gassenspiele, Eislaufen, Schwimmen, Spaziergängen, Wanderungen, „Schnupperlehre“ beim Schneider, Studium des Sternenhimmels, Tiersammlung an Polytechnikum.

Die Grundfunktionen des Hortes sollten die Eigenschaften vermitteln, die man einem intakten Familienleben zuschrieb: Wohlbefinden, Nahrung, Gemeinsamkeit und abwechslungsreiche Beschäftigung.

Dazu Walter Bion: „Wenn aber der in die Natur des Menschen gelegte Schaffenstrieb weder Ort noch Zeit, weder Material noch Anleitung findet zur positiven Betätigung, dann fängt er an, negativ zu wirken, und findet Anlass genug, Geschaffenes zu zerstören. Solche Gelegenheit zur richtigen Betätigung und Übung der jugendlichen Kräfte des Körpers und Gemutes zu schaffen, Weckung des unmittelbaren nicht durch Hoffnung auf Nutzen oder Gewinn bestimmten Interesses nach möglichst vielen Richtungen, Stärkung des Guten vorerst durch Verminderung der Gelegenheit zur Ausübung des Bösen, dann aber auch durch das einzig wirksame Mittel der täglichen Gewohnheit und Übung, sie sich der Jugendhort stellen sollte und stellen möchte“.

Die ersten von Fisler verfassten Jahresberichte und auch seine spätere Schrift über die Horte fallen auf durch die ausführlichen und farbigen Schilderungen der verschiedenen Aktivitäten die im Hort betrieben wurden. Mann kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Albert Fisler die Freuden seiner Zöglinge an Spiel und Beschäftigung ungebrochen geteilt hat. Fislers Schilderungen des Hortlebens heben sich wohltuend ab von späteren Berichten, die sehr viel nüchterner geschrieben waren, und zeitweise recht stereotyp wirken:

„Die Horte sehen ihre Hauptaufgabe in der erzieherischen Einwirkung. Durch Gewöhnung an Zucht und Ordnung, Reinlichkeit, gute Sitte und fleissige Arbeit unterstützen sie die Bestrebungen der Schule....“. (Festschrift der Gesundheits- und Wohlfahrtpflege der Stadt Zürich, 1909)

In den schriftlichen Zeugnissen Fislers ist ein solches Vokabular unbekannt. Fislers Bestreben ging nicht dahin, im Hort grösstmöglichste Disziplin und Ordnung herzustellen, sondern über die minimalen Regeln des Hortbetriebes hinaus dem Kind einen möglichst grossen Freiraum zu ermöglichen; „Das Eindringen des Schulmässigen und Schablonenhaften ist mit aller Ängstlichkeit zu verhindern; es soll den Knaben wohl werden in den Anstaltsräumen; man muss ihnen, namentlich im Anfang, manches übersehen können und darf nie vergessen, unter welchen Umständen manche von ihnen aufgewachsen sind“.

Der Massendisziplin setzte er die persönliche Beziehung zum Kind gegenüber, dem organisierten Lernen den freien Umgang und die freie Bewegung, das selbständige Tun und das spontane Agieren.

Um die individuelle Betreuung der Kinder auch wirklich zu gewährleisten und im Hort einen Familienbetrieb realisieren zu können, war es für Fisler ein dringendes Anliegen, die Anzahl der Kinder pro Hort zu beschränken. Von seiner Studienzeit in Deutschland kam Fisler mit dem Vorsatz zurück, die maximale Kinderzahl in einem Hort auf 25 zu beschränken. Auf keinen Fall wollte er einen Massenbetrieb, wie er ihn zum Teil in Deutschland angetroffen hatte.

Entsprechend machte Fisler schon nach kurzer Zeit die Erfahrung, dass sich die Knaben im Hort daheim fühlten:

„Durch längern Aufenthalt in den wohnlichen Räumen, durch den andauernden Verkehr mit den gleichen Kameraden, in deren Eigenheiten man sich schicken lernt, durch die beständige Anwesenheit der gleichen leitenden Persönlichkeit bildet sich allmälig eine solche Zahl heimischer Vorstellungen, dass die Reize des ungebundenen Gassenslebens dagegen zurücktreten und die Knaben gern und ohne Zwang die Anstalt besuchen“.

 

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Verfasst Ralph Ochsner, Lektorat und Zusammenfassung I. Lepori, Design J. Soriano
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