Druckversion von Albert Fisler, Paul Hirzel und Walter Bion: Die Gründer der Horte der Stadt Zürich

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Albert Fisler (1847 –1900)

Albert Fisler entstammte einer Lehrerfamilie aus dem zürcherischen Flaach. Von 1862 bis 1865 besuchte er das Zürcher Lehrerseminar in Küsnacht. Ab 1865 war er Primarlehrer in Wädenswil, eine Tätigkeit die er während 16 Jahren ausübte. 1881 übernahm er die Leitung einer Nebenstelle des Waisenhauses Dreilinden in St. Gallen, nahm aber schon nach 2 Jahren wieder eine Stelle als Lehrer in Riesbach (Zürich) an. Im Jahre 1886 wurde ihm eine Lehrstelle im Schulhaus Wolfbach angeboten.

Albert Fisler war der Leiter des ersten Knabenhortes im Fraumünster-Schulhaus. Vermutlich war er bereits im Vorfeld des Wechsels von Riesbach ins Schulhaus Wolfbach als Leiter des Hortes bestimmt worden. Das Schulhaus Wolfbach und der Hort im Schulhaus Fraumünster lagen nahe beisammen und Albert Fisler konnte, nach Schulschluss um 16.00 Uhr, die Leitung des Hortes bis 19.00 Uhr übernehmen. Seine Arbeit stiess schon nach kurzer Zeit auf ein positives Echo, allerdings war er nicht lange dieser Doppelbelastung gewachsen. Da er unter ständigen gesundheitlichen Problemen litt, konnte er dem ersten Knabenhort nur bis 1890 vorstehen.

Auch entgegen seiner ursprünglichen Idee, die Hortleitung möglichst ungeteilt in einer Hand zu belassen, musste Fisler schon nach einem halben Jahr einen weiteren Lehrer als Mithilfe hinzunehmen.

Als ausgezeichneter Pädagoge erhielt er in der Folge den Auftrag, die Grundlagen zur Bildung einer Spezialklasse für Schwachbegabte zu erarbeiten. Mit grossem Engagement nahm sich Fisler dieser Aufgabe an und übernahm die Leitung der Spezialklasse während 10 Jahren. Er war ein Lehrer der versuchte, den gestiegenen Ansprüchen an die Erziehung Rechnung zu tragen. Die Spezialklasse für Schwachbegabte hatte sich zur Aufgabe gemacht, auch minderbegabte Kinder in ihren eingeschränkten Fähigkeiten maximal zu fördern. 1898 übernahm er den methodischen Unterricht von Lehrerinnen und Lehrern für solche Spezialklassen.

Im Gegensatz zu Walter Bion und Paul Hirzel war Albert Fisler kein Mann der Öffentlichkeit. Die wenigen Schriften, die Fisler hinterlassen hat, zeigen vor allem pädagogisches Interesse. Bei seiner pädagogischen Arbeit schien vor allem das benachteiligte Kind sein Interesse geweckt zu haben. Seine Grundhaltung war, dem Kind eine ganzheitliche, umfassende Erziehung zu bieten, was auch den Hortbetrieb prägte.

Albert Fisler starb im Alter von 53 Jahren und wurde auf der Rehalp beerdigt.

Fünfzehnter Jahresbericht der Jugendhorte Zürich I, 1900 - 01 (unter anderem ein Nachruf auf A. Fisler) : Seite 1 / Seite 2 / Seite 3

 

Paul Hirzel (1831-1908)

Paul Hirzel, als Kind einer alteingesessenen Zürcher Familie, wurde 1831 in Leipzig geboren, wo sein Vater, Heinrich Hirzel, seit 1816 als Prediger der reformierten Gemeinde amtete. Die Familie Hirzel stellte seit Jahrhunderten eine Reihe von grossen Persönlichkeiten, die sich in Politik, Wissenschaft und Kirche einen Namen gemacht hatten. Im Hause der Familie Hirzel herrschte ein reges Gesellschaftsleben, an dem verschiedene Berühmtheiten aus Wissenschaft, Kunst und Literatur teilnahmen. Für den jungen Hirzel war das „Leben in einem grossen Familienkreise (...) ein ungemein und in seltener Weise angeregtes“. Die gesellschaftliche Aktivität seiner Familie hinterliess bei ihm aber auch ein Gefühl der Einsamkeit, und er vermisste ein intimeres Familienleben.

Paul Hirzel kämpfte schon seit frühster Kindheit mit gesundheitlichen Problemen, die ihn zunächst auch daran hinderten, das Studium der Theologie zu ergreifen. Er absolvierte deshalb zuerst eine Buchhändlerlehre in Jena und erst 1851 konnte er das Theologiestudium an der Universität Zürich aufnehmen, wohin seine Familie nach dem Tod des Vaters und dreier Brüder (um 1843) übersiedelte. Hirzel schloss sein Studium 1856 ab und wurde ordiniert. Es folgten eine Reise nach Prag, Wien und Oberitalien, nach Genf und Lausanne und weitere theologische Studien. 1859 wurde Hirzel als Pfarrer nach Fällanden berufen, und 1862 kam er an die Kirche zu Predigern in Zürich.

1866 wurde Hirzel in den Grossen Stadtrat gewählt und 1873 in die Waisenhauspflege. Sehr viel Energie verwendete Hirzel auf die Problematik der Verwahrlosung von Kindern, der er mit der Gründung der Kommission für Versorgung verwahrloster Kinder entgegenwirken wollte. 1874 trat Hirzel von seinem Amt als Pfarrer an der Predigerkirche zurück und übernahm die neu geschaffene Stelle als Schulpräsident der Stadt. Das Schulsystem war seit der Schaffung einer Präsidentenkommission im Jahre 1862 unverändert geblieben, bis 1874 ein weiteres Präsidentenamt geschaffen wurde, das vollamtlich ausgeführt werden musste und auch besoldet war. Neben den eigentlichen Präsidialgeschäften hatte der Präsident die Aufgabe, die gesamte Verwaltung, den Betrieb und die Entwicklung der einzelnen Schulen zu überwachen, allen Sitzungen beizuwohnen und alle Schulen regelmässig zu besuchen. In diesem Amt blieb Hirzel 17 Jahre lang.

Im Jahre 1891 verschlechterte sich die Gesundheit Hirzels erneut, und er war gezwungen, seine Arbeit zu reduzieren. Seine Demission wurde zuerst von der Schulpflege abgelehnt, die ihm dafür einen halbjährigen Urlaub gewährte.

Obwohl er sich gesundheitlich erholt hatte, legte er seine öffentlichen Ämter auf die Stadtvereinigung hin nieder und engagierte sich nachher vollumfänglich in gemeinnützigen Institutionen.

Paul Hirzel sah sich nicht erst als Schulpräsident den sozialen Gegebenheiten der Stadtkinder gegenübergestellt. Bereits als Pfarrer an der Kirche zu Predigern sah er sich mit den sozialen Verhältnissen der Stadtfamilien bei seinen Hausbesuchen konfrontiert: „...durch Mangel an der nötigen Pflege und Aufsicht, durch Armut, Bettel, Verführung, durch rohe Behandlung in den Zustand der Verwahrlosung verfallen...“ (Kurzer Rückblick auf die Gründung und die Wirksamkeit der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Zürich von 1861 bis 1901, Zürich 1901).

Hirzel sah, dass vor allem die Kinder unter den schlechten Bedingungen litten und zum Teil völlig verwahrlosten, ohne dass dagegen gezielt etwas unternommen werden konnte. Im Rahmen der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Zürich, gründete Hirzel deshalb 1865 eine Kommission für die Versorgung verwahrloster Kinder, der er vorstand.

Paul Hirzel hat sich in der Stadt Zürich vor allem um das Schulwesen verdient gemacht. Als erster Schulpräsident prägte er die Schule in den 1880er Jahren wesentlich mit. Mit der Kommission für die Versorgung verwahrloster Kinder machte Hirzel die Erfahrung, was eine mangelhafte Betreuung der Kinder in frühen Jahren, später für Konsequenzen haben kann. Der präventive Charakter, den der Hort hat, mag auch in seinen Erfahrungen gründen. Paul Hirzel starb 1908 in Zürich.

 

Walter Bion (1830-1909)

Das Geschlecht der Bion stammt ursprünglich aus Frankreich. Die protestantische Familie war eine von vielen, die nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) nach Deutschland flüchten musste, von wo aus Pierre Bion später in die Schweiz übersiedelte.

Walter Bion wurde 1830 in St. Gallen geboren, wo er die Primarschule und das Gymnasium besuchte. Der Familientradition folgend, studierte Walter Bion Theologie in Zürich und Tübingen. Sein Amt als Pfarrer trat er in Rehetobel (Appenzell) nach dem Studium an. 1856 wechselte er nach Trogen, was ihm ermöglichte, im Laufe der Jahre den Wirkungskreis seiner sozialen Arbeit auszubauen und sich dort auch politisch zu engagieren. Er wurde Mitglied des kantonalen Erziehungsrates, des Kirchenrates und gründete in Trogen einen freiwilligen Armenverein. Daneben war er Präsident der appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft und engagierte sich für die Abschaffung der Todesstrafe im Kanton Appenzell.

1873 zog Bion mit seiner Familie nach Zürich und übernahm die damals grösste und ärmste Kirchgemeinde an der Kirche zu Predigern. Bion hatte in seiner Funktion als Pfarrer der ärmsten Kirchgemeinde Zürichs Zutritt zu den Wohnungen der Gemeindemitglieder und damit Einblick in die Lebensverhältnisse der Stadtbewohner. Er stellte fest, dass viele Kinder in ihren Ferien gar keine Betreuung hatten und die Ferienzeit entweder in sehr armen häuslichen Verhältnissen, oder auf der Strasse verbringen mussten., Die Kinder seien in „dumpfe Wohnungen und Strassen gebannt“ gewesen, wo sie „keine körperliche Stärkung empfingen, sondern auch ohne gehörige Aufsicht (da ihre Eltern durch Berufsgeschäfte meist ausser dem Hause in Anspruch genommen sind) auf den Strassen herumlungerten, sittlich verwahrlosten, so dass sie leiblich und moralisch reduziert in die Schule zurückkehrten“ wie er in seiner kurzen Autobiographie vermerkte.

Im Frühling 1876 erliess Bion im „Tagblatt der Stadt Zürich“ eine öffentliche Bitte „an alle Menschen- und besonders Kinderfreunde derselben, mich durch freiwillige Gaben in den Stand zu setzen, eine Anzahl armer, erholungsbedürftiger Kinder während eines Teils der Sommerferien unter der Begleitung von Lehrern und Lehrerinnen in den Kanton Appenzell zu bringen, um daselbst leibliche und geistige Stärkung und Erfrischung zu finden.“ („Die Erfolge der Ferienkolonien“ von Pfr. W. Bion, Zürich 1900, Stadtarchiv Zürich). Der Aufruf ergab einen Betrag von 2'340 Franken, der es im Juli desselben Jahres bereits 68 Kindern ermöglichte, 14 Tage im Kanton Appenzell zu verbringen. Die Ferienkolonien waren geboren, und sie gelangten sogar über die Landesgrenzen hinaus zu weltweitem Ruhm.

Im Jahre 1878 folgten in der Schweiz die meisten grösseren Städte mit der Gründung von Ferienkolonien nach. Bereits im Jahre 1909 wurden in der Schweiz 8'200 Kinder in die Ferienkolonien aufgenommen.

Während die Gründung des 1. Knabenhortes 1886 im allgemeinen auf eine positive Resonanz stiess und in seiner Notwendigkeit kaum bezweifelt wurde, hatte die Gründung der Ferienkolonien viel eher den Charakter einer Pioniertat, und Bions Ruf als moralisch integre Persönlichkeit war 1876 noch nicht so gefestigt. Bei den Ferienkolonien bestand zum Beispiel der Vorwurf, dass sie bei den Kindern nur „Begehrlichkeit, Genusssucht und Unzufriedenheit“ weckten und man ihnen deshalb keine andere Umgebung zeigen sollte, als die, die sie aus ihrem Stadtalltag kennen würden.

Diesen Vorwurf konterte Walter Bion mit der Frage, ob man dann konsequenterweise einem Kranken auch keine Wohltat mehr erweisen dürfe, weil man riskiere, dass diese Wohltat den Kranken „genusssüchtig, begehrlich und auf seine normalen Lebensverhältnisse unzufrieden mache“.

Kritik erwuchs ihm zum Beispiel auch von der Arbeiterseite. Bion selber sah die Ferienkolonien (auch) als einen Beitrag zur Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich, da allen Eltern unabhängig von ihrer sozialen Stellung die Chance gegeben werden sollte, ihre schwächlichen Kinder in eine Erholungskur zu schicken. Nun kam aber die vehementeste Kritik gerade von einer Seite, die wohl am ehesten von den Vorteilen der Ferienkolonien hätte profitieren können, nämlich der Arbeiterschaft. Im Herbst 1890 erschien in der „Arbeiterstimme“, dem offiziellen Organ der sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des allgemeinen Gewerkschaftsbundes, ein Artikel, der harsche Kritik an den Ferienkolonien übte. Der Verfasser des Artikels war Robert Seidel, Redaktor der „Arbeiterstimme“ und einer der massgebendsten Sozialdemokraten Zürichs zu dieser Zeit.

Seidel kritisierte, dass Kindern aus Arbeiterfamilien die Beteiligung an den Ferienkolonien gar nicht möglich sei, weil die Kosten viel zu hoch seien und ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie lägen. Ein Drittel der angemeldeten Kinder sei nicht aufgenommen worden, weil sie nicht über die erforderliche Ausrüstung an Kleidern verfügten. Die „Arbeiterstimme“ ging von weiteren 100 Kindern aus, die erst gar nicht angemeldet wurden, weil die Eltern die geforderten Kleidungsstücke nicht besorgen konnten. Damit seien die Ferienkolonien als soziale Institution in Frage gestellt und nur „ein winziges Pflästerchen auf die grosse eiternde soziale Wunde“. Die Ferienkolonien stellten für Seidel nicht nur eine ungenügende Linderung dar, sondern wurden von ihm als „Almosen“ bezeichnet, welches das Ehrgefühl der Arbeiter verletze. Er nannte Bions Engagement eine „Sisyphusarbeit“ und riet ihm, sich mehr zum Sozialismus hinzuwenden.

Die „Arbeiterstimme“ bot Bion Gelegenheit, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Bion wies darauf hin, dass die für die Ferienkolonien erforderlichen Kleidungsstücke nur den minimalen gesundheitlichen und hygienischen Anforderungen genügen mussten. Auch wollte er nichts wissen von Kindern die abgewiesen worden waren. Er schlug vor, für die Kinder, denen die Teilnahme an den Ferienkolonien aus verschiedensten Gründen nicht möglich war, wenigstens bessere Ernährungsgelegenheiten in der Stadt einzurichten.

Wie sich die Meinungsverschiedenheit zwischen Bion und Seidel fortgesetzt hat, ist nicht mehr eruierbar. Es ist anzunehmen, dass sich Bion und Seidel im Zusammenhang mit der Projektierung des Zürcher Volkshauses näher gekommen sind. Bion war von 1896 bis 1904 Präsident des Initiativkomitees für ein alkoholfreies Volkshaus (Seidel war Mitglied des Komitees), und setzte sich früh dafür ein, dass auch die Arbeiter in das Projekt mit einbezogen wurden.

Walter Bion starb 1909 und geradezu freundschaftliche Worte sind dem Nekrolog zu entnehmen, den Seidel zu Ehren Bions im „Protestantenblatt“ Nr. 39 vom 26.9.1909 veröffentlichte. Seidel sprach von Bion als einem „Ausnahmemensch(en), der zwar nicht der Sozialdemokratischen Partei angehört habe, aber eigentlich ein wahrer Sozialist gewesen sei. Er mutmasste, dass Bion vielleicht Sozialdemokrat geworden wäre, „wenn er nicht durch seinen Beruf, seine Abstammung und Erziehung, seinen Umgang und durch seine Mit- und Umwelt in die bürgerliche Partei der Liberalen hineingewachsen wäre“ und „dass er als Freisinniger mehr und besser sozialistisch wirken konnte, denn als Sozialdemokrat“.

Die Beziehung zwischen Bion und Seidel darf als Beispiel dafür dienen, wie sehr Bion es schaffte, über Interessenvertretungen hinaus seine sozial-reformerische Arbeit zu realisieren.

Bions Weltbild entsprach ganz der liberalen Idee, die auf dem Glauben an eine ständige Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse basiert und die Vision einer „Staatsbürgergesellschaft der tendenziell Gleichen“ hatte.

1998 Verfasst von R. Ochsner, 2000 Zusammenfassung von I. Lepori.
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