Druckversion von Die soziale Herkunft der ersten Hortkinder

zurück zur Ausgangsseite

In den ersten Knabenhort im Fraumünster-Schulhaus wurden 21 Knaben aufgenommen, deren familiäre Situation für schlecht, und die Betreuung zu Hause für unzureichend befunden wurde. Die Kriterien, die in der März-Sitzung von 1886 des Schulvereins unter dem Vorsitz von Paul Hirzel für eine Aufnahme der Kinder festgelegt wurden, waren am Anfang nur sehr allgemein formuliert. In Frage kamen nur Knaben, die keine Mutter hatten oder deren Mutter „durch ihre Beschäftigung“ für die Betreuung keine Zeit hatte.

Über die Aufnahme entschied das Gründungskomitee in Zusammenarbeit mit der Lehrerschaft und dem Hortleiter (Albert Fisler). Die Lehrer hatten die in Frage kommenden Schüler mit einem Gutachten anzumelden, worauf der Hortleiter auf Grund von Hausbesuchen „die ökonomische Bedürftigkeit und den Grad der Aufsichtslosigkeit“ abklärte. In besonders gravierenden Fällen, in denen die Aufsicht im Hort als nicht genügend befunden wurde, konnte das Komitee die betroffenen Knaben direkt an andere Anstalten, die durch die Kommission für die Versorgung verwahrloster Kinder in der Person von Paul Hirzel vertreten waren, weiterverweisen.

Grundsätzlich blieben diese allgemeinen Bestimmungen über Jahre hinweg dieselben. Ergänzend hinzu kamen einige Disziplinarmassnahmen, die bei Betriebsstörungen oder unerlaubten Absenzen angedroht werden konnten.

Über die Aufnahme der ersten Knaben schrieb Albert Fisler: „Bei der Auswahl obiger Kinder aus einer Zahl von 40 Anmeldungen wurde von Armut, Herstammung, Konfession etc. abgesehen und einzig auf die Notwendigkeit besserer Beaufsichtigung Bedacht genommen. Von den erwähnten Knaben hatten 7 keinen Vater mehr, bei Zweien lebte derselbe nicht mit der Familie; 17 Mütter waren von Beruf Wäscherinnen und Spetterinnen, 3 Fabrikarbeiterinnen, 1 Kellnerin und 1 Hebamme. Fast alle diese Frauen waren die meiste Zeit von zu Hause abwesend, gewöhnlich bis in den späten Abend hinein, und würde ihnen die Arbeit bedeutend erleichtert, da sie ihre Knaben unterdessen wohl aufgehoben wussten.“

Das Verzeichnis über die Knaben des ersten Hortes nennt als weitere Berufe der Eltern: Schneiderinnen, Näherinnen, Halstuchlegerin, Zündholzhändlerin bei den Müttern und Tagelöhner, Gemüsehändler, Maurer, Schuster. Eisenhobler bei den Vätern.

Weitere Berufe von Eltern, die in den folgenden Jahren ihre Knaben im Hort beaufsichtigen liessen sind Waschfrau, Eierhändlerin, Hafner, Schlosser, Theaterdiener, Dienstmann, Schriftsetzer, Schreiner, Kellner. Das sind alles handwerkliche Berufe, das heisst, relativ wenige Kinder kamen aus Fabrikarbeiter Familien. Aus den im Verzeichnis angegebenen Adressen ist ersichtlich, dass alle Kinder des ersten Hortes aus der Stadt stammten.

Dass der Hort nicht nur eine „Auffangsstation“ für Kinder aus ärmeren Familien war, ist einem Vorschlag zu entnehmen, den Albert Fisler nach ein paar Jahren Erfahrung im Hort machte. Er sah die mangelnde Betreuung der Kinder nicht mehr nur als ein Problem, das eine bestimmte soziale Schicht betraf, sondern als eine gesellschaftlich übergreifende soziale Notwendigkeit. Schon nach wenigen Jahren hielt Albert Fisler den Hort für eine unerlässliche Institution und schlug vor, auch Kinder aus besser situierten Verhältnissen aufzunehmen, sofern die Betreuung nicht gewährleistet war (Jahresbericht Jugendhort, 1888-1889).

Ähnliche Beobachtungen schien man auch in Deutschland gemacht zu haben. An den Verhandlungen des internationalen Kongresses für Ferienkolonie in Zürich wurden 1888 mehrere Referate gehalten über die Bedeutung der Horte.

Ein Schulinspektor aus Köln machte auf Grund von Beschwerden über Kinder, die sich nach der Schule auf der Strasse herumgetrieben hatten, folgende Beobachtung: „Infolgedessen erkundigte ich mich darnach, welcher Art denn diese Kinder seien, und da stellte sich heraus, dass nicht nur Kinder der ärmeren Klassen, sondern auch Kinder der Reichen in genannter Weise auf den Plätzen herumtrieben.“

Hier schien sich bereits abzuzeichnen, dass das Bedürfnis nach Horten eben nicht nur eine Reaktion war auf die sozialen Auswirkungen der Industrialisierung. Vielmehr entsprang der Hort einem Paradigmawechsel in den Erziehungsanforderungen.

Die Ansprüche an die Erziehung waren im Laufe des 19. Jahrhunderts ständig gestiegen. Die Tendenz ging hin zu einer individuelleren, die Eigenheiten des einzelnen Kindes immer mehr berücksichtigenden Förderung. Die Nachfrage nach entsprechenden Horten und anderen Betreuungseinrichtungen für Kinder vergrösserte sich deshalb zwangsläufig. Die Frage der Kleinkindererziehung hatte sich bis anhin kaum gestellt, da die Familie eine Einheit bildete und die noch einfachen Bedürfnisse, die sozialen Verhältnisse und die Ansprüche an eine angemessene Existenz es nicht erforderten, dass beide Elternteile am Tage abwesend waren.

Dadurch entstand auch nicht die Frage nach der Betreuung des Kindes. Es war klar, dass diese die Eltern (oder Grosseltern) übernahmen, denn sie waren Teil der Umgebung des Kindes. Das änderte sich im Zuge der Industrialisierung.

 

1998 Verfasst von R. Ochsner, 2000 Zusammenfassung von I. Lepori.
2003 Copyright www.horte-online.ch